Schilddrüse und Schwangerschaft

von Prof. Dr. med. Hans Udo Zieren

SCHILDDRÜSE UND SCHWANGERSCHAFT

Welchen Einfluss hat eine Schwangerschaft auf die Schilddrüse?

In der Schwangerschaft erfahren werdende Mütter viele hormonelle Veränderungen. Der Körper befindet sich in Umstellung. Auch die Schilddrüse passt sich der neuen Situation an.

Durch die erhöhten Stoffwechselvorgänge kommt es zu einem um bis zu 50 Prozent gesteigerten Bedarf an Schilddrüsenhormonen. Um eine ausreichende Produktion der Schilddrüsenhormone zu gewährleisten, liegt der Jod-Bedarf mit 200 Mikrogramm pro Tag deutlich höher liegt als bei Nicht-Schwangeren.

Die normale Funktion der kindlichen Schilddrüse setzt eine hinreichende Jodzufuhr durch die Mutter voraus. Dies gilt vor allem für die Frühschwangerschaft: Ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft ist die kindliche Schilddrüse zwar in der Lage Jod aufzunehmen und selbst Schilddrüsenhormone zu produzieren. Bis dahin ist der Fötus allerdings vollständig auf die Hormone der Mutter angewiesen. Eine ausreichende Jodzufuhr sowie eine gute Einstellung des Schilddrüsenstoffwechsels sind für eine normale körperliche und geistige Entwicklung des Babys daher unbedingt erforderlich.

Eine gestörte mütterliche Schilddrüsenfunktion kann dem Ungeborenen großen Schaden zufügen, vielleicht sogar zu gesundheitlichen Problemen führen, die das gesamte Leben anhalten. Zudem ist das Risiko für Fehl- und Totgeburten sowie Frühgeburten durch eine unbehandelte Erkrankung der Schilddrüse erhöht. Schilddrüsenerkrankungen der Mutter können im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft zum ersten Mal auftreten. Besonderes Augenmerk muss jedoch auf Schilddrüsenerkrankungen gelegt werden, die bereits vor der Schwangerschaft bestanden.

Welche Schilddrüsenprobleme gibt es?

Die häufigsten Schilddrüsenerkrankungen während und unmittelbar nach einer Schwangerschaft sind:

  • Kropf und/oder knotige Schilddrüsenvergrößerung
  • Schilddrüsenunterfunktion
  • Schilddrüsenüberfunktion
  • Schilddrüsenentzündung nach der Geburt („Post-Partum-Thyreoiditis“)

Kropf:
Zu einer relevanten Kropfbildung (Struma) zum Ausgleich eines akuten Jodmangels kommt es heutzutage nur noch selten. Die meisten Schwangeren sind durch die Einnahme von Jodtabletten gut versorgt.

Knoten:
Häufiger ist dagegen die Entstehung neuer oder die Vergrößerung bekannter Knoten (Schilddrüsenknoten). Diese Veränderungen sollten mit Ultraschall engmaschig kontrolliert und bei Verdacht auf Bösartigkeit mit eine feinen Nadel punktiert werden. Diese Untersuchung ist absolut harmlos für das Ungeborene. Eine Szintigrafie darf aufgrund der Strahlenbelastung während Schwangerschaft und Stillzeit nicht durchgeführt werden.

Unterfunktion:
Eine Unterfunktion (Hypothyreose) der Schilddrüse kann während einer Schwangerschaft neu auftreten oder bereits behandelt sein. Eine Hypothyreose kann zu schweren geistigen und körperlichen Schäden des Fötus führen (Kretinismus). Häufig steckt eine Autoimmunthyreoiditis vom Typ Hashimoto dahinter. Im Blut können dann typische Antikörper nachgewiesen werden. Bei dieser Erkrankungen können auch vermehrt Schwangerschaftskomplikationen wie Fehl- oder Frühgeburten auftreten. Unabhängig von der Ursache wird die Schilddrüsenunterfunktion der Mutter mit Schilddrüsenhormon-Tabletten (L-Thyroxin ) behandelt. Die Schilddrüsenhormondosis wird im Verlauf der Schwangerschaft an den steigenden Bedarf angepasst und nach der Geburt entsprechend reduziert. Schilddrüsenhormone können von der Mutter ohne Bedenken eingenommen werden, da sie – richtig dosiert – keine Nebenwirkungen erzeugen. Wenn diese Therapie sofort begonnen wird, besteht meist auch keine Gefahr für das Baby.

Überfunktion:
Eine milde (latente) schwangerschaftsbedingte Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) ist nicht selten und normalisiert sich meist im Verlauf der Schwangerschaft von selbst. Eine manifeste, d.h. deutliche und relevante Hyperthyreose kann sich allerdings dramatisch auf eine Schwangerschaft auswirken und Fehlgeburten, Frühgeburten oder Missbildungen des Kindes zur Folge haben. Die häufigsten Ursachen für eine mütterliche Schilddrüsenüberfunktion während der Schwangerschaft sind die Basedowsche-Krankheit oder die funktionelle Autonomie. Wenn solche Erkrankungen vor einer Schwangerschaft bekannt sind, ist gut zu überlegen, ob es nicht besser ist, diese Erkrankungen vor Eintritt der Schwangerschaft durch eine sogenannte ablative Therapie, d.h. Operation oder Radiojod, zu sanieren. Hierzu wird vor einer geplanten Schwangerschaft in der Regel wegen der Strahlenbelastung eher eine Operation befürwortet.

Post-Partum-Thyreoiditis:
Die wichtigste Ursache für eine Schilddrüsenstörung im Wochenbett ist die „Post-Partum-Thyreoiditis“. Etwa vier Prozent der Frauen leiden im Anschluss an die Entbindung an einer Entzündung der Schilddrüse. In den meisten Fällen verursacht sie keine Schmerzen und wird daher auch als „stille Schilddrüsenentzündung“ bezeichnet. Bei dieser Sonderform kommt es typischerweise zu einer Überfunktion. Im Allgemeinen heilt sie ohne Folgen aus. Sie kann jedoch auch in eine Phase der Unterfunktion übergehen. Manchmal lassen sich auch Antikörper gegen die Schilddrüse nachweisen wie bei der Hashimoto-Thyreoiditis.