Schilddrüse und Psyche

von Prof. Dr. med. Hans Udo Zieren

SCHILDDRÜSE UND PSYCHE

Was haben Psyche und Schilddrüse miteinander zu tun?

So klein das Organ Schilddrüse auch sein mag, so groß ist doch sein Einfluss auf den Körper. Die dort produzierten Hormone beeinflussen nicht nur organische Vorgänge wie Herz, Kreislauf, Verdauung oder Wachstum, sondern aktivieren auch den Stoffwechsel der Nervenzellen und die Gehirntätigkeit. Somit hat die Schilddrüse auch einen erheblichen Einfluss auf die Psyche und das seelische Gleichgewicht des Menschen.

Sowohl die Unterfunktion (Hypothyreose) als auch die Überfunktion (Hyperthyreose) sind mit psychischen Symptomen gekoppelt. Beide Funktionsstörungen führen zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität. Ist das psychische Gleichgewicht gestört, wirkt sich dies erheblich auf das körperliche Wohlbefinden aus. Das Spektrum der Symptome ist dabei ausgesprochen vielfältig.

Schilddrüsenüberfunktion:
Bei der Schilddrüsenüberfunktion befinden sich schlicht gesagt zu viele Hormone im Regelkreis. Betroffene sind häufig nervös oder aggressiv, sie sind irritierbar, ängstlich oder extrem schreckhaft. Es fällt ihnen schwer, sich zu entspannen, sie schwitzen schnell, haben Schlafstörungen, Herzrasen oder Vorhofflimmern. Oftmals zittern die Patienten auch stark. Viele klagen über Durchfälle, starken Gewichtsverlust, Müdigkeit und Schwäche.

Diese Symptome wie auch das Schwitzen, können leicht mit den Anzeichen der Wechseljahre verwechselt werden. Nur sehr milde ausgeprägte Funktionsstörungen der Schilddrüse können außerdem mit vermehrtem Angstempfinden einhergehen. Im schlimmsten Fall tritt zusätzlich eine Psychose auf, und es kommt bei falscher Diagnose zur Einweisung in die Psychiatrie.

Schilddrüsenunterfunktion:
Im Fall einer Schilddrüsenunterfunktion klagen Betroffene häufig über depressive Verstimmungen, Apathie, schnelle Erschöpfung, Müdigkeit und Konzentrationsstörungen. Die Gefühlslage kann sehr schwankend sein und im Extremfall über Wahnvorstellungen bis hin zu Suizidgedanken reichen. Zu den körperlichen Symptomen zählen Gewichtszunahme, langsamerer Herzschlag, verlangsamte Reflexe und eine verminderte Libido.
Da sich die Hypothyreose oft sehr langsam und schleichend entwickelt, werden die Symptome leicht übersehen und die Diagnose meist auch erst spät gestellt. Außerdem wird die Hypothyreose – meist als Folge der Autoimmunthyreoiditis Typ Hashimoto – mit zunehmendem Lebensalter immer häufiger, weshalb die Symptome nicht selten fälschlicherweise dem Alter zugerechnet werden. Nach dem 60. Lebensjahr leiden etwa zwei Prozent der Bevölkerung an einer Unterfunktion der Schilddrüse.

Post-Partum-Thyreoiditis:
Eine weitere Risikogruppe stellen auch Frauen nach der Geburt eines Kindes dar. Bei zirka vier Prozent entwickelt sich durch die hormonellen Umstellungen nach der Entbindung eine so genannte Post-partum Thyreoiditis mit erhöhten Schilddrüsenantikörperwerten und Funktionsstörungen der Schilddrüse. Diese können von Depressionen begleitet sein. Bei anhaltender Abgeschlagenheit und starken Stimmungsschwankungen sollte daher auch an die Schilddrüse als mögliche Ursache gedacht werden.

Experten haben außerdem einen jahreszeitlichen Zusammenhang zwischen depressiven Störungen und der Funktion der Schilddrüse nachgewiesen. Nicht nur Stimmungsschwankungen treten in der Herbst- und Winterzeit häufiger auf. Auch die Produktion von Schilddrüsenhormonen unterliegt saisonalen Schwankungen.

Bei starken Stimmungsschwankungen und anderen Symptomen sollte deshalb immer auch die Schilddrüse als Auslöser in Betracht gezogen werden. Patienten mit psychischen Problemen sollten unbedingt untersuchen lassen, ob ihre Beschwerden organische Ursachen haben. Eine rechtzeitige und richtige Behandlung kann Betroffenen einen langen Leidensweg ersparen. Schilddrüsenfunktionsstörungen gehören zu den heilbaren Krankheiten. Durch die richtige Einstellung mit Hormonersatzpräparaten kann es durchaus wieder zu einer Normalisierung der seelischen Vorgänge kommen. Eine Normalisierung der Schilddrüsenwerte führt meist zum raschen Abklingen der Symptome und zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens.