Schilddrüse und Kinderwunsch

von Prof. Dr. med. Hans Udo Zieren

SCHILDDRÜSE UND KINDERWUNSCH

Macht eine Schilddrüsenstörung unfruchtbar?

Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch unternehmen nicht selten eine wahre Behandlungsodyssee. Die Ursachen für eine mögliche Unfruchtbarkeit müssen aber nicht zwingend im weiblichen oder männlichen Unterleib liegen. Wenn die Schwangerschaft ausbleibt, kann auch eine Störung der Schilddrüse vorliegen.

Sowohl eine Überfunktion (Hyperthyreose) als auch eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) können die Empfängnis negativ beeinflussen und bewirken, dass das lang ersehnte Wunschkind ausbleibt. Denn die Schilddrüsenhormone steuern alle wichtigen Vorgänge im Körper, auch die Fruchtbarkeit und Fortpflanzung. Schilddrüsen- und Sexualhormone wie das Östrogen stehen miteinander in einem engen Zusammenhang und beeinflussen sich gegenseitig. Geraten die Schilddrüsenhormone aus dem Gleichgewicht, hat dies Auswirkungen auf die Eizellreifung und den Zyklus. Die betroffenen Frauen werden seltener schwanger. Kommt es trotzdem zur Empfängnis, führt insbesondere eine Überfunktion in den ersten Monaten häufig zu einer Fehlgeburt.

Insgesamt sind etwa zehn Prozent der ungewollt kinderlosen Frauen von einer Schilddrüsenstörung betroffen.

Meist handelt es sich dabei um eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose). Auch schon diskrete oder schlafende Unterfunktionen (latente Hypothyreose) können sich negativ auswirken auf die Fruchtbarkeit auswirken. Schilddrüsenantikörper und Hashimoto-Thyreoiditis können bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch signifikant häufiger festgestellt werden als bei Frauen, die problemlos schwanger werden.

Ungewollte Kinderlosigkeit (Infertilität) liegt vor, wenn …

… nach 1 Jahr ohne Verhütung keine Schwangerschaft eintritt (bei Frauen unter 35 Jahren).
… nach 6 Monaten ohne Verhütung keine Schwangerschaft eintritt (bei Frauen über 35 Jahren).
… eine Schwangerschaft nicht ausgetragen werden kann.

Eine Schilddrüsenuntersuchung ist angezeigt, wenn …

… in der Familie Schilddrüsenprobleme bekannt sind.
… eine unregelmäßige Periode besteht.
… nach 6 Monaten keine Schwangerschaft eintritt.

Eine Schilddrüsenuntersuchung sollte einen festen Platz in der Fertilitätsdiagnostik haben.

Welche Behandlungsmethoden bieten sich an?

Bei einer latenten Unterfunktion der Schilddrüse wird von den meisten Endokrinologen eine großzügige Einstellung der Schilddrüsenhormone propagiert, deren Wert inzwischen auch wenig umstritten ist, da ein Zusammenhang zwischen subklinischer Hypothyreose und Infertilität bei Frauen nach Studiendaten wahrscheinlich ist und ein Zusammenhang mit Fehlgeburten gesichert. Die angestrebten Grenzwerte sind jedoch umstritten und in keiner Richtlinie eindeutig geregelt, empfohlen wird jedoch oft ein Grenzwert für das TSH von 2,5 mU/l. Im Falle von Schilddrüsenantikörpern gilt der weiter oben erwähnte Wert von 1,0 mU/

Die Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) wird durch die medikamentöse Gabe von Schilddrüsenhormonen behandelt. Die anzustrebenden Grenzwerte für die genaue Dosierung der Medikamente sind in der Fachwelt zum Teil umstritten. Normalerweise wird für das TSH ein Grenzwert zwischen etwa 1.0 bis 2,5 mU/l empfohlen.

Die Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) wird zunächst durch Thyreostatika behandelt. Diese Medikamente können bei einer Schwangerschaft sehr schädlich für Mutter und Kind sein. Daher sollte vor einer möglichen Schwangerschaft eine definitive Sanierung der Schilddrüsenerkrankung erwogen werden, wobei sich bei den einzelnen Erkrankungen (Morbus Basedow, Autonomie) unterschiedliche Gesichtspunkte ergeben.